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Ovid

  • Autorenbild: UnDi
    UnDi
  • 29. Aug. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. März


Text: Erfinder des feministischen Retellings. Foto: Reclam "Metamorphosen" von Ovid, ein größerer Band "Das Goldene Zeitalter", Cover zeigt einen weißen Stier, auf dessen rücken eine Frau mit langen schwarzen Haaren. Rclam "Heroides/Briefe der Heroinen" von Ovid.

Ich behaupte: Ovid hat das feministische Retelling erfunden.


Ovid als Fee aufzunehmen, war eine Entscheidung, die ich hart vor mir selbst verteidigen musste. Es liegt in der Natur der Sache, dass, je näher ich der Gegenwart komme, umso schwieriger zu beurteilen ist, was mich wirklich geprägt hat und was nur besonders in Erinnerung geblieben ist. Dazu kommt, dass die frühen Leseerfahrungen sicher prägender und auf andere Weise prägender waren als spätere.


Ovids »Heroides« waren Teil meiner mündlichen Bachelorprüfung. Das Thema: »Große Frauen«. Manche haben vielleicht Boccaccios »Mulieribus Claris« auf dem Klassiker-Foto entdeckt, der dritte Text war »The Legend of Good Women« von Chaucer.

Die Heroinenbriefe waren mein Liebling, aber ironischerweise vergaßen wir im Prüfungsgespräch, über Ovid zu sprechen, was ich ziemlich schade fand.


Wenn ihr mich fragt, hat Ovid mit den »Heroides« das Feministische Retelling erfunden. Es handelt sich um eine Reihe Briefe, die die verlassenen und betrogenen Heldinnen antiker Stoffe an die Männer schreiben, die sie schlecht behandelt haben. Und es sind keineswegs nur passive, austauschbare Klagelieder, die ihre Geschichten nacherzählen. Jeder Text hat einen eigenen Tonfall, lässt die Persönlichkeit der Schreiberin erkennen und auch die Unterschiedlichkeit der Beziehungen, von denen berichtet wird.


In der Fachbibliothek fand ich ein Buch, dass die Briefe intratextuell interpretiert, also nach Hinweisen sucht, dass die Briefe auch Warnungen oder Ermutigungen sind, die die Frauen sich gegenseitig zurufen. Ich fand diesen Interpretationsansatz spannend und für diesen Text auch fruchtbar.


Als Kind hätte ich aus Gründen gerne Latein als Fremdsprache gelernt, was aber ebenfalls aus Gründen nicht möglich war, also arrangierte ich mich mit Französisch. Angesichts der Heroides bedauerte ich das zum ersten Mal seit vielen Jahren.


Vielleicht war ich mir deshalb so sicher, dass Ovid eine meiner Feen ist, weil sich in diesem Text vieles von dem vereint, was mich schon zuvor fasziniert hat.

Tradierte Stoff aus neuer (weiblicher) Perspektive, ein spielerischer Umgang mit dem Medium und der Zuverlässigkeit des Erzählers und ein kleines bisschen Metatextualität. So hat der menschheitsgeschichtliche älteste Autor dieser Reihe einen der spätesten undigeschichtlichen Auftritte, als wollte er sagen: Es war alles schon immer da.

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